"Tocando em Frente" ist ein Klassiker der Música Sertaneja. 1990 schufen Almir Sater und Renato Teixeira den Song gemeinsam. Sater lieferte die Melodie, als er bei Teixeira zum Abendessen war - und zwar auf der Kindergitarre des Sohnes, bei der auch noch eine Saite fehlte. Teixeira lieferte den Text - und zwar auf Basis verschiedener Kalenderspruchweisheiten, die er passend zur verträumten Melodie aneinanderreihte. Maria Bethânia sang den Song für eine Telenovela ein. So entstand ein Hit.
Während Almir also auf der Kindergitarre mit den fünf Saiten spielte, setzte sich Renato daneben und begann einige Verse sehr schnell aufzuschreiben. Dabei orientierte er sich, wie er später einmal erzählte, an kurzen Kalendersprüchen, oder Alltagspoesien, wie man sie vielleicht zur Deko eines Wohnzimmers oder Speisesaals an eine Tafel geschrieben nutzt, wie sie sich ein Fußballer auf den Unterarm tätowieren lässt oder wie man sie in Brasilien manchmal auf der Rückwand der Ladefläche eines LKWs liest, hinter dem man herfährt. Es lohnt sich, einige der Alltagsweisheiten anzusehen, die sich in der Komposition niedergeschlagen haben:
Ando devagar (Ich gehe langsam, ...)
Porque já tive pressa (... weil ich es schon eilig hatte)
E levo esse sorriso (Ich trage dieses Lächeln, ...)
Porque já chorei demais (... weil ich schon zu viel geweint habe)
É preciso amor (Man braucht Liebe, ...)
Pra poder pulsar (... damit das Herz schlagen kann)
É preciso paz pra poder sorrir (Man braucht Frieden, um lächeln zu können)
É preciso a chuva para florir (Man braucht den Regen, damit etwas blüht)
Kurz darauf rief Renato Teixeiras Frau zum Essen. Im Prinzip war der Song zu diesem Zeitpunkt schon fertig.
Als Almir später nach Hause kam, erzählte er seiner Familie, dass er und Renato eine neue Musik geschrieben hatten. Als er sie vorsang, meinte jemand, es sei eine der besten, die er je gemacht habe. Er selbst hatte die Größe des Liedes zunächst gar nicht erkannt. In der Fernsehsendung "Viola Minha Viola" (die ebenso empfehlenswert ist wie "Senhor Brasil", von der wir in unserem Blog über Dércio Marques schon einmal berichtet hatten) erklärte er, dass die Musik so plötzlich und ohne Nachdenken entstanden sei, dass er die Bedeutung der Worte erst viel später begriff.
Die Art, wie Melodie und Sinnsprüche zusammenspielen, ist, glaube ich, so gut gelungen, dass aus den für sich genommen eventuell banal wirkenden Alltagsweisheiten große Kunst entstanden ist. Das passt zur Leistung, die Almir Sater und Renato Teixeira generell erbracht haben für die "Música Sertaneja". Sie haben dieser Musikrichtung (übrigens eher aus dem Süden Brasiliens), die häufig in Alltagssituationen, im ländlichen Umfeld und "im echten Leben" auf der typischen zehnsaitigen Viola Caipira gespielt wird, eine Ernsthaftigkeit verliehen, die ihr auch die Anerkennung anspruchsvoller Kulturkritiker zuteilwerden ließ. Das bekannteste Beispiel für diese Anerkennung der "Música Sertaneja" ist der Song "Romaria" aus der Feder Teixeiras, den Elis Regina berühmt machte.
Als das Lied "Tocando em Frente" dann fertig war, rief die große Maria Bethânia bei Almir Sater an und fragte, ob er ein Lied für sie habe. Da dachte er an "Tocando em frente", aber musste antworten, dass Teixeira das Lied eigentlich aufnehmen wolle. Bethânia ließ sich es sich dennoch am Telefon vorsingen und sagte sofort: "Essa música é minha!" Also: "Das ist mein Lied!" Wenn eine Sängerin wie Maria Bethânia ein Lied singen möchte, dann ist die Bedeutung des Liedes überdeutlich - und Almir Sater und Renato Teixeira konnten nicht ablehnen. Das Lied wurde in der Version von Bethânia zum Soundtrack der Telenovela "Pantanal" (1990), in der Sater übrigens selbst mitspielte. Über die Bedeutung von Telenovelas in Brasilien haben wir schon manchmal ein paar Worte verloren - wenn ein Lied hier gefeatured wird, dann gelangt es zu nationaler Berühmtheit. Wenn das Lied dann auch noch von zig Musikerinnen und Musikern unterschiedlicher Generationen und Stilrichtungen gecovert wird, dann trägt das dazu bei, dass es kein Haltbarkeitsdatum hat.
(Bild: "O Violeiro" (Der Gitarrenspieler) von José Ferraz de Almeida Júnior, Public domain, via Wikimedia Commons;
Almeida Júnior war ein brasilianischer Künstler des Naturalismus und Regionalismus, der später zum "Nationalmaler Brasiliens" wurde. In Brasilien ist sein Geburtstag der nationale Tag des bildenden Künstlers.)