"João e Maria" - Chico und Sivuca

"João e Maria" von Chico Buarque ist ein Kinderlied über die Kindheit: Buarque griff die Melodie des Komponisten Sivuca auf und schuf einen Text, der Kindheitserinnerungen in märchenhaften Bildern lebendig werden lässt. Das Lied ist wie eine französische Musette und erzählt von Fantasie, Spielen und der Unschuld früher Jahre. Es scheint, als ob noch alle Möglichkeiten offen stehen. Was hat man aber selbst in der Hand? "O que é que a vida vai fazer de mim?" Was wird das Leben aus mir machen? 

 

Chico Buarque schuf den Text zu einer Melodie von Sivuca, die dieser bereits 1947 komponiert hatte. Ca. 30 Jahre später sendete Sivuca ein Band mit der Melodie an Buarque. Die Melodie erinnerte ihn an seine eigene Kindheit, auch weil die Melodie aus der Zeit stammt, als er selbst noch ein Kind war. Wir haben in diesem Blog schon einmal das Lied  "Construção" analysiert. Und wie in jenem Song stellt sich Buarque auch bei "João e Maria", das recht harmlos beginnt, einer existentiellen und schwerwiegenden Frage: Wie werden wir, was wir sind?

In der Kindheit können wir alles sein. Die beiden Kinder, um die es in dem im Ich-Du-Dialog gehaltenen Text geht, sind Cowboy, Rockstar, König, Prinzessin, Spielzeug und Kreisel. "Im Spiel bin ich jetzt ein Cowboy, und jetzt ein König, und so weiter ..." Das Leben hat noch keine eingefahrenen Spuren oder ausgetretenen Pfade gelegt, aus denen wir im Laufe der Zeit immer schwieriger herauskommen. In diesem schönen Kinderreich unendlicher Möglichkeiten ist es gesetzlich verpflichtend, glücklich zu sein, und die Schlechtigkeit und das Böse sind noch nicht geboren. Alles ist ein Spiel und ein Kind ist ganz locker flockig mal dieses und mal jenes. "Im Spiel".

Leider endet diese schöne spielerische Welt des So-tun-als-ob der Kindheit, das ist unvermeidlich ("Agora era fatal Que o faz de conta terminasse assim"). In dem Lied endet das Spiel für den Ich-Erzähler, als seine Freundin in die (echte) Welt verschwindet. Es wird nun ernst für ihn, das echte Leben beginnt und er weiß nicht, was dieses aus ihm machen wird. "O que é que a vida vai fazer de mim?" Mit dieser offenen Frage endet das Lied. Was wird das Leben aus mir machen? In dieser Wendung unterscheidet Buarque die Welt der Kindheit, in der man seiner selbst Herr oder Frau ist und entscheiden kann, was man ist, und die Welt der Erwachsenen, in der das Leben einen zu etwas macht.

Der fröhliche kleine Walzer in Musette-Manier endet also mit der Konfrontation des Kindes mit dem Erwachsensein. Diese Konfrontation hört man auch in dem Live-Auftritt unten im Video - sie wirkt auf mich wie eine schreiende Frage, die sich in dem Flötensolo verästelt in die unergründlichen Wege des Lebens.

Jedes Mal, wenn ich dieses Lied höre, sage ich mir deshalb: Es ist nie zu spät, ein Kind zu bleiben.

 

(Bild: Palácio do Planalto from Brasilia, Brasil, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons)