"O Fantasma da Solidão" ist eines der Lieder meines Albums "Passos", das ich oft live spiele. Heute schaue ich mit euch hinter die Kulissen seiner Entstehung. Mit zwei Musikern, die für die Musikszene von Ceará prägend sind, durfte ich das Lied in Fortaleza aufnehmen: Carlinhos Crisóstomo, der das Album "Passos" arrangierte und viele Instrumente einspielte, und Pianist Tito Freitas, der mit seinem Spiel Akzente setzte - wie er es auch schon für Tim Maia, Alcione oder Emílio Santiago getan hat.
Das Lied "O Fantasma da Solidão", auf Deutsch "Das Gespenst der Einsamkeit" gehört als Teil meines Albums "Passos" auch zum Buch "A Princesa Debutante". Dieses Buch habe ich geschrieben, um mit Jugendlichen im Kontext einer literarischen Erzählung über ein junges Mädchen über verschiedene philosophische Begriffe wie Tugend, Liebe und Glück nachzudenken. Nicht nur die Erzählung soll die Jugendlichen ansprechen, sondern auch die Einbettung verschiedener Lieder soll dabei helfen, Jugendliche an philosophische Themen heranzuführen. "O Fantasma da Solidão" ist eines der Lieder aus dem Buch. Aber ursprünglich habe ich das Lied nach meiner Promotion an der LMU München komponiert, während der ich mich immer wieder auch einsam gefühlt habe, da das Schreiben doch ein relativ einsamer Prozess ist. Im Anschluss habe ich das Lied an die Handlung von "A Princesa Debutante" angepasst.
Im Lied geht es um die Liebe und das Gefühl, das aufkommt, wenn man jemanden vergessen möchte, den man liebt. Das Gefühl, dass diese andere Person präsent ist, insbesondere in der Ruhe der Nacht, wenn ansonsten keine Ablenkungsmöglichkeiten da sind. Die geliebte Person taucht dann beinahe zwangsweise auf, immer dann besonders intensiv, wenn man am meisten versucht, nicht an sie zu denken und wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Das Gespenst der Einsamkeit gesellt sich in solchen Situationen zu uns, um die Zeit mit uns zu verbringen. Die Absicht, jemanden zu vergessen, sorgt genau für das Gegenteil - denn man muss ja erst einmal an denjenigen denken, an den man nicht denken will. Was blieb mir anderes übrig, als ein Lied darüber zu schreiben?
Es gibt eben Gefühle, die man nicht steuern kann - und damit auch Wirklichkeiten, denen man nicht aus dem Weg gehen kann: "Mas o amor é um sentimento que se sente sem querer". Das heißt, dass die Liebe ein Gefühl ist, das man spürt, ohne dass man es will. Mein Interesse für die Einordnung von Gefühlen, die ich hier im Lied mache, ist durchaus inspiriert durch meine Forschungen zur Philosophie der Phänomenologie. In diesem philosophischen Zweig geht es unter anderem um die Frage: Wie können wir Gefühle systematisch erfassen und sie in eine logische Beziehung zueinander bringen? Auf der Gefühlsebene selbst gelingt das gerade nicht - da schleichen sich die Wut, die Liebe, das Gefühl von Verlassenheit ein und wir haben genau das nicht unter Kontrolle. Nur wenn wir, wie ich es auch in meinem Buch "A Princesa Debutante" zu erklären versuche, eine Metaebene einnehmen (im Buch ist diese Metaebene das Reich des Schlafs), von der aus wir unser Leben betrachten, können wir die meistens willkürlich eintretenden Gefühle sortieren. Mit dieser philosophischen Idee und einer Melodie im Kopf bin ich dann zu Carlinhos Crisóstomo gegangen.
Mit ihm zusammen habe ich beides in ein Lied verwandelt. Und ich war sehr froh, auf ihn zählen zu können. Denn Carlinhos ist als Arrangeur und Multiinstrumentalist ein toller Gestalter von Atmosphären. Er ist Professor für Musik, selbst Komponist und einer der prägenden Künstler der Musikszene Cearás. Im Lied spielt er das Gitarrensolo, das mir besonders gefällt.
Dass ich für die Passagen für Piano Tito Freitas gewinnen konnte, war für mich wie ein Lottogewinn. Tito lebt in Fortaleza und man würde nicht denken, dass diese bescheidene und freundliche Figur mit den berühmtesten brasilianischen Künstlern aufgetreten ist, die es je gab - bis er seine Finger auf die Tasten setzt. Dann wird es einem sofort klar, warum der Mann aus Porto Velho über die Station Rio de Janeiro zu Emílio Santiago, Tim Maia, Alcione, Leny de Andrade, Lisa Ono und Pery Ribeiro gefunden hat, um auf brasilianischen und internationalen Bühnen aufzutreten. Aus diesen Zeiten hat er auch einige Geschichten zur brasilianischen Musik zu erzählen, die auch hier in meinen Blog Eingang finden (z.B. zu Tim Maia). Heute lebt Tito in Fortaleza, wo er als Pianist, Arrangeur und Produzent wirkt und mit seinem "Tito Jazz Trio" die lokale Szene prägt.
Ich habe übrigens das Lied auch auf Englisch übersetzt. So kann mein Publikum, das kein Portugiesisch spricht, einen sprachlichen Zugang zum Text finden. Für mein nächstes Album "Entenda" plane ich, das Lied in einer leicht modernisierten Variante auch auf Englisch aufzunehmen.
(Foto: Christopher Franke)

