Von der Straßenecke in die Milchstraße der brasilianischen Musik: Lô Borges

Der Ausgangspunkt war unscheinbar: eine Straßenecke im Viertel Santa Tereza in Belo Horizonte, geprägt vom Schachbrettmuster der Stadt und der besonderen Melancholie des Bundesstaats Minas Gerais. Genau dort traf sich Mitte der 1960er‑Jahre ein junger Musiker namens Salomão Borges Filho, genannt Lô, mit Freunden, um über die Beatles, Jazz und deren Einfluss auf die Música Popular Brasileira zu diskutieren. Aus Gesprächen, Gitarren und Ideen entstand der "Clube da Esquina" ("Club an der Ecke").

 

Für die Entwicklung von Lô Borges war Milton Nascimento von entscheidender Bedeutung, um dessen "göttliche Stimme" (Elis Regina) es in unserem letzten Blog ging. Denn er war es, der den damals erst 18‑jährigen Gitarristen in Santa Tereza entdeckte und dessen außergewöhnliche musikalische Begabung erkannte. Nascimento holte Borges Ende der 1960er‑Jahre nach Rio de Janeiro, was der Schritt gewesen ist, der für Borges' künstlerischen Werdegang prägend war.

Doch ihre Beziehung war mehr als die klassische Konstellation von Mentor und Nachwuchskünstler. Nascimento schuf einen offenen Raum, in dem sich Talente gegenseitig befruchteten. Rückblickend beschrieb Lô Borges diese Phase als das Zusammentreffen inspirierter Menschen, in dem Texter, Musiker, Arrangeure und Techniker gemeinsam und ohne Hierarchien arbeiteten. Diese Arbeitsweise war wahrscheinlich auch verantwortlich dafür, dass die musikalisch vielfältige Tradition des Staates Minas Gerais, der sozusagen "an der Ecke" zwischen sechs Bundesstaaten, darunter Rio de Janeiro, Bahia und Sao Paulo, liegt, zu einem der gleichzeitig traditionsbewusstesten und fortschrittlichsten musikalischen Regionen Brasiliens wurde. Genau diese Haltung wurde zum kreativen Fundament des "Clube da Esquina", zu dem neben Lô Borges und Milton Nascimento auch Márcio Borges (Lôs Bruder und v.a. Lyriker der Gruppe), Telo Borges (der jüngste der Borges-Brüder und Komponist von "Vento de Maio", das durch Elis Regina berühmt wurde), Beto Guedes, Toninho Horta und Wagner Tiso gehören, die man durchaus als Künstlerkollektiv bezeichnen kann, das einen eigenen und unverwechselbaren Sound kreierte - und wo die Frage nach der Autorenschaft von Kompositionen interessant wird, da die Kooperation so eng war, dass das Zuschreiben des Werks an eine Einzelperson schwierig wird.

Was als, wie man in München sagen würde, gemeinsamer "Ratsch" an der Kreuzung Divinópolis/Paraisópolis begann, begründete also ein für die brasilianische Musik mächtig einflussreiches Künstlerkollektiv. Es wurde namentlich 1970 auf dem gleichnamigen Album "Clube da Esquina" verewigt. Die Platte gilt heute als eines der größten Meisterwerke der brasilianischen Popmusik. Sie markierte den Beginn einer Gruppe von Musikern, die mehr als als geistige Bewegung existierte denn als Band.

Der Sound ist eine Mischung aus angelsächsischem Prog‑Rock, dem Folk und der Folklore von Minas Gerais und tief brasilianisch verwurzelten Harmonien. Diese Musik war komplex, offen und zugleich zutiefst emotional und scheute auch spirituelle oder kosmische Klänge nicht.

Der "Clube da Esquina" verband diesen Klang mit der Poesie der Texte auf einzigartige Weise. Diese waren bildreich, oft metaphorisch, manchmal bewusst offen gehalten. Hinter scheinbar harmlosen Vokalpassagen verbarg sich dabei auch nicht selten subtile Kritik an der Zensur der Militärdiktatur. Lange Instrumentalpassagen wirkten wie gemalte Landschaften, sphärisch und ein bisschen "übernatürlich": tief kontrastiert, ruhig und gleichzeitig voller innerer Spannung. Diese Atmosphäre verlieh den Alben "Clube da Esquina" (1971, auf dessen Cover Milton Nascimento und Lô Borges erscheinen) und "Clube da Esquina II" (1978, wo Lô Borges nicht minder beteiligt war, auf dem Cover aber nur Milton Nascimento erscheint) ihren zeitlosen Charakter. Lô Borges steuerte einige der zentralen Kompositionen bei, darunter "O Trem Azul", "Paisagem da Janela", "Um Girassol da Cor do Seu Cabelo" und "Ruas da Cidade".

In den frühen 1970er‑Jahren war Borges vor allem als Songwriter gefragt. Seine Kompositionen fanden sich im Repertoire zahlreicher bedeutender brasilianischer Musikerinnen und Musiker. Die eigene Solokarriere hingegen entwickelte sich langsamer.

Auf das Debüt "Disco de Tênis" (auf dessen Cover zwei ausgelatschte Adidas-Turnschuhe abgebildet sind und das ich für eines der coolsten Cover der brasilianischen Musik halte ("Turnschuh" heißt in Brasilien "tênis"), 1972) folgte erst Jahre später das zweite dezidierte "Solo"-Album "A Via‑Láctea" ("Die Milchstraße", 1978). Beide Alben liefern einen unverkennbaren Lô-Borges-Sound - und man erkennt den Einfluss, den er auf die gesamte Musik der "Mineiros" hatte. Erst in den 2000er‑Jahren erfuhr Borges' Soloschaffen die breite Anerkennung, die ihm lange verwehrt geblieben war.

Am 2. November 2025 starb Lô Borges in Belo Horizonte.

 

(Bild: Selphox, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons)