Wie kann man jungen Leuten philosophisches Nachdenken näherbringen? Als ich als Universitätsprofessorin gearbeitet habe, wollte ich Jugendliche zum Philosophieren motivieren. Wie so vieles im Leben geht auch die Philosophie leichter mit Musik. Daher begleiten meine beiden ersten Alben "Passos" und "Tertúlia do Catolé" jeweils ein philosophisches Buch musikalisch. In Melodien und Rhythmen gepackt werden die komplizierten Fragen zu Tugend, Liebe und Glück, zum Guten und zum Schlechten, nahbar.
Philosophie und Musik passen für mich zusammen wie Topf und Deckel. Sie ergänzen sich, weil beide existentielle Fragen adressieren. Natürlich auf unterschiedliche Art. Die Philosophie geht rational vor, bringt Argumente, prüft Annahmen, geht logisch Schritt für Schritt vor. Dieser Weg führt zur Erkenntnis - die meistens schon bald wieder hinterfragt wird und der Weg ist neu zu beschreiten. Musik spricht die Seele auf andere Weise an. Sie berührt uns und löst durch Rhythmen und Melodien bestimmte Gefühle aus. Das kann dann auch Widersprüche erzeugen: Zum Beispiel finde ich es häufig sehr überraschend in der brasilianischen Musik, dass fröhlich klingende Lieder einen sehr ernsten oder traurigen Stoff bearbeiten. Das erzeugt eine Spannung, die in der Philosophie nicht anzutreffen ist. Wer A sagt, kann nicht gleichzeitig nicht-A sagen. Widersprüche sind zu vermeiden.
An der Universität hatte ich die Aufgabe, Lehrerinnen und Lehrern auf den Philosophieunterricht an Schulen vorzubereiten. Dabei erhielt ich häufig die Rückmeldung, dass die Jugendlichen sich lieber mit anderen Dingen befassen als mit schwierigen philosophischen Texten. Aber gleichzeitig beschäftigen sich Jugendliche durchaus mit existentiellen Fragen, welche die Philosophie stellt: Was ist gut und was ist gerecht? Was ist die Liebe, was ist Freundschaft? Wie sollte ich mich in einer Gruppe verhalten? Was kommt gut an und was ist mir peinlich? Wie können wir gemeinsam ein Ziel erreichen? Diese Fragen prägen uns ab der Kindheit. Aber wir gehen sie häufig nicht streng philosophisch an, auch wenn sie durch und durch philosophisch sind. Meine Idee war, das Format zu finden, mit dem Jugendliche erreicht werden können. Eine schöne Melodie, ein eingängiger Rhythmus - und dann unter der Hand die Thematisierung philosophischer Fragen. So war die Idee, die schlißlich darin gemündet ist, dass ich das Album "Passos" zu meinem Buch über Tugend, Liebe und Glück "A Princesa Debutante" komponiert habe, und darin, dass ich mein Buch über Ethik und Politik "Ara" musikalisch von meinem Album "A Tertúlia do Catolé" begleiten lasse. Ein Aspekt dieser musikalischen Philosophie ist, dass ausgehend von den in den Liedern philosophiert werden kann. Wir können an die Fragen der Lieder philosophische Reflexionen anfügen. Ein anderer Aspekt besteht darin zu versuchen, komplexe Situationen des Lebens in einem Lied zusammenzufassen, sie auf den Punkt zu bringen. Mit den Liedern können wir es schaffen, die abstrakten philosophischen Gedanken zu konkretisieren und sie in einem realitätsnahen Kontext zu verorten. Die Jugendlichen merken so, dass Philosophie gar nicht weit weg ist von ihnen - und dass es sich lohnen könnte, sich dem philosophischen Unterfangen auszusetzen und Techniken und Handwerkszeug zu lernen, ohne das man in der Philosophie nicht auskommt, und mit dessen Hilfe man bei schwierigen Fragen Schritt für Schritt weiterkommt.
In "A Princesa Debutante" ist die Hauptfigur ein junges Mädchen am Vorabend ihres 15. Geburtstags. Die Fee Lucia führt sie in verschiedene Situationen einer Traumwelt, in denen sich existentielle Fragen stellen. Sie lernt dort ihre Lektionen, die sie schließlich aber auch in der Damit die jugendlichen Leserinnen und Leser sich in diese hineinversetzen können, unterstützt die Musik.
In "Ara" ermutigt ein Ara-Papagei die Hauptfigur Maria, über einige philosophische Probleme nachzudenken wie z.B. den Ursprung verschiedener Vorurteile, die Existenz des Bösen, den Determinismus und die Freiheit. Dabei verarbeitet sie ihre Erkenntnisse musikalisch.
Wenn ihr wollt, dann schaut doch mal in meine Bücher rein - und vielleicht gibt es sie ja irgendwann einmal auch auf Deutsch. Oder ihr kommt auf eine meiner Konzerte, wo ich den philosophischen Aspekt meiner Musik auch immer gerne zum Tragen kommen lasse.
(Bild: Titelbild meines Buchs "A Princesa Debutante" von Carol Oliveira gestaltet.)