Lampião war ein Bandit im Nordosten Brasiliens. Nachdem seine Eltern 1918 von einem Landbesitzer getötet worden waren, schloss er sich einer Bande an, wurde legendärer Cangaceiro und versetzte durch seine Überfälle, insbesondere auf die Fazendas der Großgrundbesitzer, die Bevölkerung in Angst, Staunen und Bewunderung zugleich. Er ist Thema meines Blogs über brasilianische Musik, weil er ein Lied komponierte, das u.a. von Bert Kaempfert, Joan Baez, Cliff Richard und Tex Ritter aufgenommen wurde.
"Lampião" hieß eigentlich Virgulino Ferreira da Silva. Seinen Spitznamen erhielt er nach dem leuchtenden Mündungsfeuer seines Gewehrs. Seine Geschichte ist im Nordosten Brasiliens eine Legende und im Sertão erzählen sich die älteren Leute, wie z.B. meine Großeltern, heute noch davon, wie der berühmteste Cangaceiro Brasiliens einmal durch ihr Dorf gekommen ist, als sie ein Kind waren. Es muss eine ziemlich zweischneidige Angelegenheit gewesen sein, ihm und seiner Bande zu begegnen. Zwar ist er ein Volksheld, weil er ähnlich einem Robin Hood die Reichen bestohlen, den Armen geholfen und gegen die Obrigkeit aufbegehrt hat, aber die Brutalität, mit der die Bande der Cangaceiros vorging, war unberechenbar und konnte wahrscheinlich jeden treffen. Der brasilianische Präsident Getúlio Vargas ordnete schließlich die Großgrundbesitzer an, die Bande zu verfolgen und auszulöschen. Als Lampião und zehn weitere Mitglieder seiner Bande 1938 erschossen und enthauptet wurden, stellten die Sieger ihre Köpfe (zusammen mit anderen Attributen wie Hüten und Gewehren) zur Abschreckung an verschiedenen Orten Brasiliens aus.
Was haben solche Gruseligkeiten nun in einem Blog zur brasilianischen Musik verloren? Das liegt daran, dass der Cangaço, also die Banditenbewegung, der Lampião vorstand, Teil der Identität des Nordostens und dadurch auch der nordöstlichen Musik Brasiliens wurden. Er findet sich als Thema in vielen Liedern, Bildern und folkloristischen Rezeptionen und Selbst- und Fremdzuschreibungen der Region wieder, die heute als Nordosten bekannt ist. Lampião und seine Bande trugen somit einen Teil dazu bei, den Nordosten als Region zu begründen und gegen andere Regionen abzugrenzen: Er steht für die Armut, den Kampf gegen die Ausbeuter und die Unterdrückung, den Widerstand gegen die Zentralregierung, die diese Landstriche und ihre Bevölkerung allzu häufig vernachlässigte. Gestern fragte ich meine Mutter, was sie eigentlich von Lampião hält. In ihrer lakonischen und orakelnden Art meinte sie: "Ele só queria mulher bonita." ("Ihm haben nur schöne Frauen gefallen." - Seine ebenso berühmt gewordene Frau war die erste Frau, die sich in Brasilien einer organisierten Bande anschloss und dort eine wichtige Rolle spielte. Sie hieß "Maria Bonita"). Wie auch immer die moralische Beurteilung der Banditen ausfällt: Heute kann man sie auf T-Shirts gedruckt auf jedem Touristenmarkt im Nordosten kaufen. Sie sind Teil der Popkultur. Dass sie Teil der Popkultur wurden, liegt nicht zuletzt daran, dass sie in Filmen thematisiert wurden, welche auch einen Eindruck auf das Publikum außerhalb Brasiliens machten. Der international bekannte Regisseur Glauber Rocha verfilmte den Cangaço in "Deus e o Diabo na Terra do Sol". Lima Barretos Film "Cangaceiro", für den eine der bedeutendsten brasilianischen Schriftstellerinnen, Rachel de Queiroz, die Dialoge schrieb, gewann auf dem Filmfestival von Cannes einen Preis für den besten Abenteuerfilm. Und in diesem kommt das Lied vor, das angeblich Lampião selbst zu Ehren seiner Großmutter, einer "Mulher Rendeira", also einer Klöpplerin, geschrieben hat. (Offiziell eingetragen als Komponist ist allerdings Zé do Norte.) Der Text des Lieds ist ausgesprochen einfach. Es heißt:
"olê muié rendeira
olê muié rendá
tu me ensina a fazê renda
que eu te ensino a namorá."
(Ole Klöpplerin,
Ole an die Frau, die klöppelt,
Du bringst mir bei, wie man klöppelt,
und ich bring Dir bei, wie man liebt.)
Das kann man sich gut merken. Und die Melodie bleibt als Ohrwurm ebenso im Kopf. Das ist die perfekte Mischung für ein Volkslied, das nun bald ein Jahrhundert lang schon während des erstens Hörens jeder mitsingen kann. Die eingängige Melodie entdeckten über den international bekannt gewordenen Film "Cangaceiro" auch Musikerinnen und Musiker in Übersee. Der Text wurde ins Englische (und damit irgendwie auch in den Wilden Westen) übertragen. Und es finden sich Versionen des Songs bei Musikerinnen und Musikern, bei denen man nicht im ersten Moment darauf kommt, dass sie sich am brasilianischen Hinterland, dem Sertão, inspirieren. Zu den Namen zählen Bert Kaempfert, James Last, Joan Baez, Cliff Richard und Tex Ritter. Das Lied eignet sich als Protestsong, aber auch als Westernsong - oder wie Bert Kaempfert beweist, als angenehme Hintergrundmusik für den Loungebereich eines Hotels oder den Fahrstuhl, wo man heute vor den Cangaceiros sicher ist.
(Foto: Virgulino Ferreira da Silva, "Lampião". (1897-1938). Fotografia em P&B, 16 x 11 cm. Acervo do Museu do Ceará - Fortaleza, CE, Brasil. Das Foto wurde aufgenommen, als seine Bande am 15. Juni 1927 die Stadt Limoeiro do Norte im Landesinneren von Ceará überfiel und plünderte.)