The Secret Agent: Die "Banda de Pífanos de Caruaru"

In den Kinos läuft der Oscar-nominierte Film "O agente secreto" ("The Secret Agent") des Regisseurs Kleber Mendonça Filho. Der Soundtrack zum Film macht einen großen Teil seiner Spannung aus. Eine Szene des Films, in der ein Auftragskiller die Blutspur eines anderen Auftragskillers durch das Zentrum Recifes verfolgt, wird von einem Lied der "Banda de Pífanos de Caruaru" untermalt: Im Stück "A Briga do Cachorro com a Onça" geht es um den Kampf eines Hundes mit einem Jaguar. Wer gewinnt wohl?

 

Wenn man über die musikalische Seele des brasilianischen Nordostens spricht, kommt man an der "Banda de Pífanos de Caruaru" nicht vorbei. Dieses Ensemble ist seit fast einem Jahrhundert aktiv. Es verbindet Tradition, Familiengeschichte und eine unverwechselbare Klangästhetik, die vor meinem inneren Auge die Landschaften des Nordostens hervorruft: Den tiefblauen Himmel, den rötlichen Sand der Landschaft und die bunten Häuschen der kleinen Orte vor den Hügeln der Serra.

Gegründet wurde die Musikgruppe 1924 im Sertão, also im Hinterland, von Alagoas von Manuel Clarindo Biano und Benedito Clarindo Biano. Später etablierte sie sich in Pernambuco, wo die Familie hingezogen war, und wurde zu einem der ältesten noch aktiven Instrumentalensembles Brasiliens. Bemerkenswert ist ihre familiäre Kontinuität. Die jüngeren Mitglieder sind Kinder und Neffen der Gründer, wodurch die Musik über Generationen hinweg lebendig bleibt. Erste Schallplattenaufnahmen entstanden 1971, als die Gruppe nach Rio de Janeiro reiste und dort Konzerte gab. Von da an begann ihre nationale Bekanntheit, die Anfang der 2000er Jahre schließlich mit bedeutenden Preisen geehrt wurde: 2004 erhielt die "Banda de Pífanos de Caruaru" den Latin Grammy für das beste Album regionaler Musik, ein Höhepunkt ihrer langen Karriere. Im Bild zum heutigen Eintrag seht ihr, wie Vertreter der Band 2006 den höchsten brasilianischen Kulturorden, den "Ordem do Mérito Cultural", von Präsident Lula erhalten. 

Das Ensemble besteht aus den namensgebenden "Pífanos" (das sind kleine Querflöten aus Bambus) und einer Sektion aus Perkussionsinstrumenten. Diese Kombination erzeugt eine archaisch klingende Klangwelt:

Die Pífanos liefern in unperfektem Sound helle, durchdringende Melodien, die an Vogelrufe oder Naturklänge erinnern. Die Perkussion mit Zabumba, Caixa und anderen Trommeln sorgt für den Puls und rhythmisch für eine besondere Energie.

Das Lied "A Briga do Cachorro com a Onça" wird im Film "O Agente Secreto" in der nervenaufreibenden Verfolgungsjagd genutzt, in der ein angeschossener, schwer angeschlagener und eine Blutspur legende Auftragskiller von dem Auftragskiller verfolgt wird, der ihn zuvor selbst angeheuert hatte. Das Lied behandelt vom Titel her den Kampf zwischen einem Hund ("cachorro") und einem Jaguar ("onça"). Die Pífanos übernehmen die Rolle der Erzähler, als ob Vögel von ihrer sicheren Beobachterposition auf einem Baum das Geschehen kommentieren würden: die schrillen, schnellen Läufe der Pífanos imitieren das Aufeinandertreffen der Tiere. Die Perkussion (Zabumba, Caixa, Becken) liefert den rhythmischen Untergrund, der wie ein Puls wirkt. Mal beschleunigt sich der Kampf, mal stockt er, es wendet sich immer wieder das Blatt bis zur Entscheidung, in der die Cleverness auf brutale Art und Weise über die körperliche Überlegenheit siegt.

Schaut euch unbedingt den Film "O Agente Secreto" an. Wenn ihr ihn seht, achtet auf die Musik. Die Auswahl zur musikalischen Unterstützung der (bild-)gewaltigen Szenen ist wirklich treffend. Mit am treffendsten finde ich dabei die Wahl des Liedes "A Briga do Cachorro com a Onça" für die beschriebene Verfolgungsjagd, die zu Fuß durch das Zentrum Recifes geht und in einem Frisiersalon endet.

Der Sound der Instrumentalgruppe faszinierte übrigens auch Größen der MPB: Gilberto Gil entdeckte die Band und nahm 1972 das Stück "Pipoca Moderna" auf seinem Album "Expresso 2222" auf, dem Caetano Veloso wenige Jahre später einen Text gab. Auch in diesem Song erzeugt die Musik eine ganz besondere, bewusstseinsstromartige Spannung, der man sich kaum entziehen kann.

 

(Bild: Palácio do Planalto, Attribution, via Wikimedia Commons)