Raul Seixas gilt in Brasilien als Legende. Sein Name wird noch heute auf Konzerten gerufen: "Toque Raul!", "Spiel Raul!" beschwört ihn als unantastbaren Maßstab. Der Autor Paulo Coelho arbeitete in den Siebzigern eng mit Raul Seixas zusammen - lange bevor er ein von der Kritik als esoterischer Kitschautor belächelter, aber globaler Bestsellerautor wurde. Beide waren Außenseiter und ihre Biografien turbulent. Hits wie "Sociedade Alternativa", "Gita" oder "Tente Outra Vez" spiegeln diese.
Wer in Brasilien ein Konzert besucht und plötzlich aus dem Publikum ein lautes "Toque Raul!" hört, weiß sofort: Jetzt wird's ernst. Dieser Ruf ist mehr als ein Wunsch, es ist ein Urteil über die Künstler auf der Bühne, das im Lichte einer Legende gefällt wird. Frei übersetzt bedeutet er: "Schön, dass du singst … aber spiel lieber Raul Seixas, denn das ist echte Musik!" Über Raul Seixas (1945-1989) geht eben nichts. Er ist der Maßstab, an dem sich alle anderen messen müssen. Und seine Legende ist so übermächtig, dass selbst gestandene Künstler am Ende häufig schmunzelnd nachgeben und einen seiner Songs spielen, ohne das Gefühl zu haben, sich dadurch einen Zacken aus der eigenen Krone zu brechen. Ich selbst übrigens setze Raul manchmal prophylaktisch mit aufs Programm. Dann kann niemand mehr rufen. "Já toquei!"
In den siebziger Jahren arbeitete Raul Seixas mit einem Mann zusammen, der damals noch weit entfernt war von dem Weltruhm, den er später erlangen sollte: Paulo Coelho (*1947). Dessen Lebensweg war, wie das von Raul Seixas, von frühen Brüchen gezeichnet. Aufgewachsen in einem konservativen Elternhaus, wurden seine künstlerischen Ambitionen als Krankheit abgetan. Mehrfach wurde er als Jugendlicher gegen seinen Willen in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Erfahrungen, die tiefe Spuren hinterließen und sein späteres Schreiben über Freiheit, Sinnsuche und Selbstbestimmung prägten.
Als Coelho auf Raul Seixas traf, begegnete er einem Musiker, der zwischen Genie, Exzess und Rebellion lebte. Beide fühlten sich als Außenseiter in einer Zeit, in der die brasilianische Militärdiktatur jede Form von Nonkonformität misstrauisch beäugte. Ihre Zusammenarbeit war intensiv und sogar gefährlich. Ihre Texte wurden als subversiv eingestuft, beide wurden vom Geheimdienst DOPS verhaftet, verhört und bedroht. Politische Repression schweißte sie ebenso zusammen wie ihre Suche nach spirituellen und künstlerischen Alternativen: Beide kämpften gegen familiäre und gesellschaftliche Erwartungen und suchten in Mystik, Esoterik und Gegenkultur nach einem eigenen Weg. Beide erlebten psychische Krisen, Abhängigkeiten und Phasen der Selbstzerstörung. Und es gelang ihnen, diese Erfahrungen in Kunst zu verwandeln.
Zusammen schufen sie einige der bedeutendsten Songs der brasilianischen Musikgeschichte, darunter "Sociedade Alternativa", "Gita" und "Tente Outra Vez":
"Sociedade Alternativa" basiert auf Aleister Crowleys Thelema-Lehre. Seixas und Coelho gründeten tatsächlich eine "thelemische" Gemeinschaft mit Büro, Briefpapier und monatlichen Berichten, was als subversive Aktion gewertet wurde und ein Grund für spätere Verhaftungen war. "Tente Outra Vez" entstand nach ihrer Verhaftung und Folter. Der Song beginnt mit den Worten "Veja: não diga que a canção está perdida", ein Appell, nicht zu behaupten, alles sei verloren. Es gebe immer frisches Wasser in der Quelle, um weiterzumachen: " A água viva ainda tá na fonte". Einige Menschen berichteten, dass sie durch dieses Lied von Suizidgedanken Abstand nahmen.
"Gita" wurde schließlich zum größten Hit der beiden und von Seixas als Musiker. Er wurde während ihres Exils veröffentlicht und brachte ihnen eine triumphale Rückkehr nach Brasilien, was zum Inhalt des Songs passt, in dem es um die Einheit von Gegensätzen geht, durch die sich das Universum auszeichnet: Das lyrische Ich des Songs beginnt immer wieder mit "Eu sou ...", also "Ich bin ...". Und was es alles ist, dieses Ich: Die Fliege auf der Suppe, die Kerze, die angeht, das Licht, das erlischt, die Klippe zum Abgrund und alles und nichts. Ich bin, ich war, ich werde sein, ich bin Anfang, Ende und auch die Mitte.
Raul Seixas suchte nach einer Sprache, die Rockmusik, Mystik, Humor und Gesellschaftskritik verband. Paulo Coelho suchte nach Ausdrucksformen für seine spirituelle Unruhe. Zusammen schufen sie Songs, die mit Okkultismus, Popkultur und Politik spielten und mit der Frage, wie man frei leben kann.
Raul Seixas wurde zum Mythos, weil er sich nie vereinnahmen ließ. Zu wild für die Musikindustrie, zu frei für politische Instrumentalisierung, zu widersprüchlich für einfache Heldenerzählungen.
Paulo Coelho wurde zum globalen Phänomen und gleichzeitig zur Zielscheibe der Kritik. Er wurde einerseits zu einem der meistverkauften Autoren der Welt (mit über 225 Millionen verkauften Büchern, manche Quellen sprechen sogar von über 350 Millionen). Andererseits belächelt ihn die Literaturkritik bis heute als esoterischen Kitschautor.
Alles in allem, wenn man sich ansieht, was Raul Seixas und auch Paulo Coelho für sich und zusammen genommen hervorgebracht haben, dann muss man wahrscheinlich wirklich nicht böse sein, wenn jemand "Toque Raul!" ruft. Ich nehme das jedenfalls nie persönlich.
(Foto: Divulgação – Paulo Coelho bei Raul Seixas’ Show im Canecão. Er erscheint überraschend auf der Bühne – zum letzten Mal an der Seite seines Partners, der wenige Monate später sterben sollte.)