"Jura" gehört zu den Liedern, die man in Brasilien kennt, weil es seit beinahe 100 Jahren einfach immer weiter klingt. Der Samba, der 1928 aus einem Moment verletzter Gefühle geboren wurde und über ein Jahrhundert hinweg immer wieder neu aufblühte, stammt vom Komponisten Sinhô. Zuletzt wurde er als ikonisches Thema der Telenovela "O Cravo e a Rosa" reanimiert mit dem Sambastar Zeca Pagodinho. Ich habe das Lied auch aufgenommen: Ich liebe, dass aus einer Wunde etwas Schönes entstand, das dauert.
Die Entstehung von "Jura" ist ziemlich eindrucksvoll. Sinhô, der 1888 in Rio de Janeiro geboren wurde und schon zu Lebzeiten als "Rei do Samba" bekannt war, saß eines Abends gemeinsam mit dem berühmten klassischen Komponisten Heitor Villa‑Lobos und Luís Peixoto in einem Cabaré in Lapa. Als die Frau, für die Sinhô Zuneigung empfand, plötzlich mit einem anderen Mann erschien, traf ihn der Anblick tief. Statt jedoch eine Szene zu machen, stand er abrupt auf, ging zum Klavier und begann, die Melodie und den Text von "Jura" direkt dort zu komponieren, er improvisierte den Song quasi im Moment der Kränkung. Dieser spontane kreative Akt erklärt vielleicht die emotionale Direktheit des Liedes: Es ist ein musikalischer Ausbruch von Eifersucht, Verletzung und dem Wunsch nach Bestätigung. Die berühmte "Catedral do Amor" (Kathedrale der Liebe), die im Text vorkommt, verweist auf den Ort, an dem die Szene spielte: ein Etablissement der Nacht. So kann man den relativ knappen Text jedenfalls interpretieren.
Der offizielle Anlass (nach dem inoffiziellen spontanen im Nachtclub) für die Veröffentlichung des Liedes war das Revuetheaterstück "Microlândia" im Teatro Fênix. Dort wurde es von der gefeierten Aracy Cortes uraufgeführt. Das Publikum verlangte mehrfach Zugaben, was ein frühes Zeichen dafür ist, dass Sinhô mit seiner Komposition einen Nerv getroffen hatte.
Die erste Aufnahme auf Platte lieferte der Schüler Sinhôs, Mário Reis, Aracy Cortes veröffentlichte ebenfalls eine Version. Das Lied modernisierte den Stil der brasilianischen Musik dieser Epoche. Sinhôs Kompositionwar weniger opernhaft und leichter als das, was zu dieser Zeit regelmäßig zu hörne war. Das Lied gehört auch zu den ersten Stücken, die als Samba‑Canção bezeichnet wurden, was ein Marketingbegriff ist, der damals auf Partituren gedruckt wurde, um Verkäufe anzukurbeln.
Lebendig blieb das Lied eigentlich immer. Es tauchte in Filmen der fünfziger und neunziger Jahre auf, u.a. interpretiert von Gilberto Gil 1995 in "O Mandarim". Der große kulturelle Durchbruch des 21. Jahrhunderts stand aber noch bevor. Das schaffte schließlich Zeca Pagodinho, als er 2000 mit "Jura" den Titelsong zur Telenovela "O Cravo e a Rosa" lieferte. Für Millionen Brasilianer, für die Telenovelas einen sehr engen Bezug zum eigenen Leben haben, wurde "Jura" aus dem Jahr 1928 dadurch zu einem Klang der Kindheit, der Jugend und der frühen 2000er.
Das Lied zeigt uns, wie in Brasilien viel der Musiktradition quasi "crossmedial und -kulturell" ins kulturelle Gedächtnis gepflanzt wird. Musikbühnen, Theater, Telenovelas und verschiedenste bekannte Sängerinnen und Sänger, die alte Klassiker immer wieder neu interpretieren. Ich selbst habe das Lied auch aufgenommen. Ihr könnt unten, wie immer in diesem Blog, einige Versionen anhören. Viel Spaß dabei, damit wir "den Qualen des Schmerzes entfliehen können" ("Para fugirmos das aflições da dor").
(Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sinh%C3%B4_1939.png)