A Moça e a Rede: Ein Lied für meine Mutter und zur Kultur der Hängematte im Nordosten Brasiliens

Es gibt Dinge, die Geschichten und Erinnerungen tragen. Und Körper oder eine ganze Landschaft. Die Hängematte wird im Nordosten Brasiliens schlicht "rede" (wörtlich übersetzt "Netz") genannt. Sie ist ein alltägliches Artefakt und zugleich ein kulturelles Symbol. Wenn ihr nach Ceará fahrt, dann werdet ihr irgendwo zwischen zwei Wänden im Zimmer eurer Unterkunft zwei Haken bemerken. Wenn dem so ist, dann öffnet mal den Schrank. Da liegt bestimmt eine Hängematte. Spannt sie auf und entspannt! 

 

Die Hängematte ist eine indigene Erfindung: Ein schwebender Ort des Schutzes, der Ruhe und der Nähe zur Natur. Schon in den frühesten Berichten über Brasilien taucht sie auf als ein Gegenstand, der den Körper vom Boden und der Schwerkraft abhebt, ihn vor Feuchtigkeit und Tieren schützt und in heißen Gefilden wesentliche kühlere Umgebung bietet als ein Bett. Zugleich erzeugt die Hängematte eine Art Wiegenbewegung, welche die Geborgenheit hervorruft, die wir erfahren haben, als wir in den Armen unserer Mutter hin- und hergewogen wurden.

Heute ist die Hängematte besonders im Nordosten allgegenwärtig. Dort ist sie nicht nur ein "Möbelstück", sondern Teil der Identität. In Städten wie São Bento (im nordöstlichen Bundesstaat Paraíba), das als "Capital Mundial das Redes" bekannt ist, weil dort jährlich Millionen von Hängematten produziert werden, ist die "rede" ein wirtschaftliches, handwerkliches und emotionales Zentrum des Alltags.

Auch in Ceará, wo die Textilindustrie traditionell sehr stark ist, werden sehr viele Hängematten hergestellt. Diese gibt es in einfachen und kunstvollen Ausführungen, in groß oder in klein, in sämtlichen Farben, industriell gefertigt oder in Handarbeit. Meine Mutter stellte auch Hängematten her. Immer noch werde ich auf diese Art und Weise in den Armen meiner Mutter sanft gewogen, wenn ich mich in das gelbe Tuch hineinlege, das ihr auf dem Titelfoto zu diesem Blogeintrag seht.

Und wie ich so entspanne und schaukle, fällt mir das Lied ein, um das es heute auch geht: "A Moça e a Rede", das ich zu Ehren meiner Mutter komponiert habe.

In dem Lied geht es um eine alltägliche Szene des Nordostens, das sich aber in ein zartes Ritual der Nähe verwandelt: Eine junge Frau bittet die "Rendeira", also die Hängemattenknüpferin, um eine schöne Hängematte für ihren Geliebten, nicht nur zum Ausruhen, sondern zum Verzaubern ("encantar"). In der Hängematte fließen Körper, Rhythmus und Zuneigung ineinander. Wenn der Geliebte sich ein bisschen mehr ("um bocadinho mais") wiegt, den "Xaxado", also einen typischen Tanz des Nordostens tanzt, und seine Geliebte ein wenig fester umarmt, dann zeigt sich die Bedeutung der Hängematte als Handwerkskunst, musikalische Bewegung und Intimität.

Wer im Nordosten aufwächst, kennt die Hängematte nicht als exotisches Accessoire, sondern als Ort des Schlafens, des Nachdenkens, des Wartens und des Träumens. Sie hängt in Wohnzimmern, auf Terrassen, unter Mangobäumen, in Sommerhäusern, in Fischerhütten oder zwischen parkenden LKWs. Sie ist flexibel, passt im Gegensatz zu einem Bett in jedes Regal, und mobil, man kann sie überall mit hinnehmen, und einladend, indem sie eine besondere Art von Intimität schafft: Die "rede" spannt nämlich einen Raum auf, der sich dem Körper anpasst, nicht umgekehrt. Sie schmiegt sich an den Körper so eng wie möglich an, aber gewährt doch Bewegungsfreiheit, man schaukelt wild oder wiegt sanft im Wind. Sie ist aus einem weichen Tuch, aber aufgespannt ist sie doch bestimmt. Sie trägt einen, aber sie lässt einen zugleich frei - ein bisschen wie eine gute Mutter, denke ich.

Wahrscheinlich ist es genau diese Mischung, durch die ich motiviert war, ein Lied zu schreiben, mit dem ich dankbar an meine Mutter denke, eine der vielen "Rendeiras" des Nordostens. Aber sie war eben meine "Rendeira". Und genau diese Mischung macht sie auch zu einem kulturellen Symbol des brasilianischen Nordostens, wo sich sicher viele mit ähnlichen Gedanken oder Gefühlen in einer sanften, kühlenden Brise und Gedanken an ihre Mutter in der Hängematte in angenehme Träumereien oder Kindheitserinnerungen hineinwiegen.