"Upa, neguinho" von Edu Lobo steht an der Scharnierstelle zwischen politischem Theater und Fernsehunterhaltung, zwischen linker Protestkultur und massenwirksamer Música Popular Brasileira, zwischen nationaler Selbstvergewisserung und internationaler Bühne. Edu Lobos Song aus einem politisch engagierten Theaterstück zeigt, wie sich in Brasilien politische Protestformen in Populärkultur wandeln konnten. Die Sängerin Elis Regina half dabei. Mit ihrem energischen Vortrag reißt sie das Publikum mit.
Der Ursprung des Liedes liegt nicht im Radio, nicht im Tonstudio und auch nicht in einer Fernsehshow, sondern auf der Bühne des "Teatro de Arena" in São Paulo. Dort wurde 1965 das Musical "Arena conta Zumbi" uraufgeführt, geschrieben von Augusto Boal und Gianfrancesco Guarnieri: Die Musik stammt von Edu Lobo. Es erzählte die Geschichte des "Quilombo dos Palmares", also von einer Gemeinschaft entflohener versklavter Menschen, die sich im kolonialen Brasilien über Jahrzehnte gegen militärische Angriffe behauptete. In der Sprache der 1960er Jahre war diese historische Erzählung zugleich eine Gegenwartsdiagnose: Wer von Zumbi, Palmares und Befreiung sprach, sprach auch von Unterdrückung, Gewalt und Widerstand im Brasilien nach dem Militärputsch von 1964. Die Militärdiktatur überwachte öffentliche Debatten, griff in die Kultur und ihre Institutionen ein und entwickelte mit der Zeit ein immer engmaschigeres System aus Zensur und Einschüchterung. Künstler, Musiker, Theatergruppen und Intellektuelle mussten Wege finden, Kritik so zu formulieren, dass sie verstanden wurde, ohne sofort verboten zu werden.
Im Text unseres Liedes heißt es: "Capoeira kann ich dir beibringen, das Pech ("ziquizira") kann ich dir wegnehmen, Mut ("valentia") kann ich dir leihen, aber die Freiheit ("liberdade"), die kann ich dir nur wünschen."
Wir haben dieses Phänomen der Kunst, knapp an der Zensur vorbei zu komponieren, in einigen Blogbeiträgen, wie zum Beispiel zu Chico Buarque, schon kennengelernt. Das "Teatro de Arena" wurde in diesem Umfeld zu einem der wichtigsten Orte einer engagierten und dem Widerstand verpflichteten Kultur. Es behandelte Klassenfragen, Rassismus, nationale Identität und soziale Ungleichheit. Um der Zensur zu entgehen, tat es dies oft historisch oder allegorisch verschlüsselt, aber doch so, dass es für das zeitgenössische Publikum deutlich lesbar war.
"Upa, neguinho" entstand in diesem Kontext. Im Musical war der Samba Teil einer Erzählung über afrobrasilianische Erinnerung und kollektive Selbstbehauptung. Der Rhythmus stand nicht zufällig im Zentrum; denn Samba galt vielen Intellektuellen der Zeit als Ausdruck einer authentisch brasilianischen Kultur, als Gegenbild zu den musikalischen Einflüssen aus den USA, die über Rock'n'Roll, Konsumkultur und Fernsehen immer stärker präsent wurden.
Dass ausgerechnet Elis Regina dieses Lied einem großen Publikum nahebrachte, veränderte seine Wirkung. Mit "O Fino da Bossa", der TV-Sendung, die sie ab Mitte der 1960er Jahre gemeinsam mit dem Sänger Jair Rodrigues präsentierte, wechselte "Upa, neguinho" vom politisch-intellektuellen Theatermilieu in die Wohnzimmer des Landes. Was zuvor Teil eines engagierten Bühnenprojekts gewesen war, wurde nun Teil einer neuen populären Musikkultur. Elis Regina übersetzte den Gestus des untergründigen Widerstands in eine Performance, die unmittelbar und körperlich auf ein Massenpublikum wirkte. Sie machte den politischen Impuls des Liedes dabei aber nicht kleiner, sondern sie verstärkte ihn durch ihre energiegeladene Performance sogar.
Damit stand Elis mitten in einem größeren Kulturkampf. In Brasilien der 1960er Jahre wurde Musik nicht nur nach Klang, Stil oder Marktchancen beurteilt, sondern nach ihrer politischen Bedeutung. Die aufkommende "Jovem Guarda" brachte elektrische Gitarren, Rock'n'Roll-Ästhetik und jugendliche Konsumkultur ins Fernsehen. Für viele Vertreter der engagierten MPB wirkte das wie eine Bedrohung, weil sie das als Zeichen von Entpolitisierung, Kommerzialisierung und kultureller Abhängigkeit von den USA interpretierten. Die berühmte "Marcha contra as guitarras elétricas" von 1967, die gegen die "elektrischen Gitarren" als Symbol US-amerikanischer Pop- und Konsumkultur protestierte, an der auch Elis Regina teilnahm, zeigt, wie stark sich ästhetische Fragen damals mit nationaler Identität und politischer Haltung verbanden.
Rückblickend wirkt diese Ablehnung der elektrischen Gitarre widersprüchlich, zumal wenige Jahre später gerade die Tropicália-Bewegung (von Caetano Veloso und anderen) zeigte, wie produktiv sich brasilianische Traditionen und internationale Popsprachen verbinden ließen.
Ende der 1960er Jahre erhielt diese Spannung eine weitere Dimension. Elis Regina begann international aufzutreten, unter anderem in Europa, und "Upa, neguinho" gehörte zu den Liedern, mit denen sie brasilianische Musik außerhalb Brasiliens repräsentierte. Das hatte eine besondere Ironie: Während die Kunst im eigenen Land unter politischem Druck stand, wurde sie im Ausland als Ausdruck einer vitalen, eigenständigen Kultur wahrgenommen.
Für Elis Regina markiert "Upa, neguinho" deshalb einen Wendepunkt. Der Song zeigt den Übergang von der engagierten Theaterkultur zur medialen Breitenwirkung, von der Protestbühne zur populären MPB, von einem linken Kulturmilieu zu einem Publikum, das nicht unbedingt politisch geschult war, aber die Dringlichkeit ihrer Interpretation spüren konnte. Elis wurde dadurch zu einer Vermittlerin zwischen Kunst und Markt, zwischen politischem Anspruch und Unterhaltung.
Nun haben wir viel über Elis Regina geschrieben, wo doch Edu Lobo der Komponist des Liedes ist. Das liegt daran, das Elis Regina so eine wirkungsvolle Figur ist und Edu Lobo sich durchaus eher als Komponist und Arrangeur und Organisator im Hintergrund verstand. Sein Werk besteht nicht nur in den Hits "Upa, Neguinho", "Ponteio" oder "Arrastão", sondern auch in der Inszenierung von Theaterstücken, Festivals und politisch motivierten musikalischen Aktionen. Mit "Nordeste Já" blieb Edu Lobo beispielsweise auch nach der Diktatur Teil der engagierten Musikszene: 155 Künstlerinnen sangen gegen die verheerende Dürre im Nordosten Brasiliens. Das Projekt war eine brasilianische Version von "We Are the World" und verband Solidarität, politische Botschaft und musikalische Exzellenz.
Edu Lobos Werk ist für mich deshalb so wichtig, weil er es schafft, ein politisches Anliegen aus der Nische intellektuellen Engagements massentauglich zu machen, ohne es populistisch zu vereinfachen und ohne es politisch abzuschwächen. Ich freue mich schon wieder darauf, beim nächsten Konzert "Upa, Neguinho" vorzutragen.
(Bild: Brazilian National Archives, Public domain, via Wikimedia Commons)