Mônica Salmaso wurde 1971 in São Paulo geboren. Sie begann ihre künstlerische Laufbahn 1989 am Theater beim Regisseur Gabriel Villela. Ihr erstes großes musikalisches Projekt war Afro-Sambas (1995), das die Werke von Baden Powell und Vinícius de Moraes neu interpretierte. Bereits früh wurde sie für den Prêmio Sharp nominiert, 1999 gewann sie den renommierten Prêmio Visa MPB. Sie ist außerhalb von Brasilien immer noch ein Geheimtipp. Aber ihr lernt sie jetzt kennen.
In meinem Blog Backstage Brazil möchte ich euch auch immer wieder Künstlerinnen und Künstler vorstellen, die vielleicht noch nicht so bekannt sind. Mônica Salmaso gehört für mich auf jeden Fall zu den wertvollsten Schätzen brasilianischer Musik: Mit Alben wie "Trampolim" (1998), "Voadeira" (1999) und "Iaiá" (2004) etablierte sie sich als eine der wichtigsten Stimmen der brasilianischen Musik. Ihre Zusammenarbeit mit Größen wie Chico Buarque, Edu Lobo, Guinga, Paulo César Pinheiro und Nelson Ayres zeigt ihre außergewöhnliche Fähigkeit, sich in komplexe musikalische Traditionen einzufühlen - und das beweist auch die herausragende Stellung, die sie in der brasilianischen Musik hat. Besonders prägend sind ihre Projekte, die brasilianische Poesie und Kammermusik verbinden, so z.B. "Alma Lírica Brasileira" (2011), das ihr den Prêmio da Música Brasileira als beste Sängerin einbrachte. Mit "Corpo de Baile" (2014) widmete sie sich exklusiv der Partnerschaft Guinga/Paulo César Pinheiro und brachte das Werk in einer gefeierten Tournee auf die Bühne. 2017 erschien "Caipira", ein Album, das ihre Verbindung zur brasilianischen Landschaft und ihren musikalischen Wurzeln vertieft. Es wurde 2018 als bestes Regional-Album ausgezeichnet. Die Art, wie sie Landschaften musikalisch quasi fotografiert, ist für mich vorbildhaft und meine Kompositionen wie "Ara" oder "Seca no Sertão" versuchen sich ebenfalls an einer solchen musikalischen Landschaftsmalerei, welche typisch ist für die regionale brasilianische Musik. Das Album "Caipira" ist weder Folklore noch nostalgische Rückschau, sondern eine liebevolle, präzise kuratierte Hommage an das ländliche Brasilien. Salmaso und ihr langjähriger musikalischer Partner Teco Cardoso (Produktion, Flöten, Saxofone) schaffen dabei einen Klangraum, der zwischen Klarheit und Erdigkeit flimmert. Was das Album "Caipira" darüber hinaus so besonders macht, ist die Art, wie es Zusammenarbeit versteht, weil Salmaso in einen echten Dialog mit ihren Gästen geht. In "Minha Vida" (Vieira & Carreirinho) bringt der Violeiro Neymar Dias seine "Viola caipira", eine für das ländliche Brasilien typische Gitarre, wie einen zweiten Erzähler in die Musik ein.
"Saracura Três Potes" (Cândido Canela & Téo Azevedo) erhält durch die Stimme von Rolando Boldrin eine fast mythische Dimension. Boldrin, selbst ein Hüter der brasilianischen Erzähltradition, der diese in seiner Fernsehsendung "Senhor Brasil" einem Millionenpublikum präsentierte (über Boldrin könnt ihr auch im Blogeintrag über Dercio Marques lesen), klingt hier wie ein alter Freund, der am Lagerfeuer Geschichten erzählt. In "Sonora Garoa" (Marco Antonio Vilalba) begegnen sich Salmasos Stimme und das Klavierspiel von André Mehmari in einem musikalischen Atemzug. Mehmari öffnet harmonische Räume, die das Lied in eine schwebende, fast impressionistische Atmosphäre tauchen.
Das Album versammelt außerdem Werke von Breno Ruiz & Paulo César Pinheiro ("Caipira"), Cartola ("Feriado na Roça"), Gilberto Gil & Nana Caymmi ("Bom Dia"), Sérgio Santos ("Açude Verde", "Saíra"), Hekel Tavares & Joracy Camargo ("Leilão"), Zezinho da Viola ("A Velha"). Diese Auswahl beweist Salmasos feines Gespür für ein Repertoire, das sich nicht durch das Offensichtliche auszeichnet, sondern das Verborgenes ans Licht holt.
Während der Pandemie, die uns alle so mitnahm und uns auch kulturell vor ungeahnte Herausforderungen stellte, initiierte Salmaso das wunderbare Projekt "Ô de Casas", in dem über 170 virtuelle musikalische Begegnungen zu einem Zufluchtsort in düsteren Zeiten wurden.
Ich hoffe, dass ihr nun Lust bekommen habt, Mônica Salmaso zu entdecken und auch sie aus der Verborgenheit ans Licht zu holen. Sie tritt immer mal wieder in deutschsprachigen Ländern auf, das Foto zeigt sie zum Beispiel auf dem INNtöne Jazzfestival 2024. Falls ihr die Chance habt, lasst sie euch nicht entgehen.
(Bild: Schorle, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons)