Gal Costa war eine zentrale Figur in der avantgardistischen Kunst- und Musikbewegung des Tropicalismo der späten sechziger Jahre. Sie wurde aber darüber hinaus eine zentrale Figur der brasilianischen Musik im Allgemeinen und prägte diese über Jahrzehnte mit. Ihr Mitstreiter Caetano Veloso hat ihr mehrere Lieder komponiert. In "Força Estranha" würdigt er die Authentizität von Gal Costas künstlerischem Schaffen. Und wer hätte den Song besser singen können als sie selbst?
Nach Elis Regina und Rita Lee möchte ich euch heute die dritte der ganz großen weiblichen Stimmen der brasilianischen Musikgeschichte vorstellen: Gal Costa, die 1945 in Salvador geboren wurde und 2022 in São Paulo verstarb, ist eine der wichtigsten und vielseitigsten Sängerinnen Brasiliens. Schon als Jugendliche spielte sie Gitarre, sang auf Festen und bewegte sich früh in der Kunstszene Bahias. 1964 lernte sie Caetano Veloso, Maria Bethânia und Tom Zé kennen. Zusammen mit ihnen und anderen Berühmtheiten wie Gilberto Gil war sie integraler Bestandteil der Tropicalismo-Bewegung, welche die brasilianische Kulturszene Ende der sechziger Jahre aufmischte. Sie galt als deren Muse, weil ihre Persönlichkeit und Stimme insbesondere Caetano Veloso zu einigen Kompositionen anregte, die er zunächst exklusiv für sie schrieb. (Natürlich hat Caetano wahrscheinlich alle Lieder später auch selbst einmal gesungen.) Auf eines dieser Lieder, welches die Kunst als Zaubertrank und Kraftquelle für Gal Costa beschreibt, kommen wir nachher zu sprechen.
Doch davor müssen wir festhalten, dass Gal Costas Karriere sich dadurch auszeichnet, dass sie in vielfältigen Genres zu Hause war, wandlungsfähig, aber doch unverkennbar. Zu ihrem Repertoire gehört neben den Liedern aus der Zeit des Tropicalismo auch der Bossa Nova, der Samba, Psychedelia oder sogar elektronische Klänge (siehe das Video zu "Recanto Escuro") und kammermusikartige Arrangements. Der Ausdruck ihrer Stimme erscheint mir immer so, als ob sie diese verschiedenen und teilweise sehr voneinander abweichenden Stilarten durch sich wie durch ein Medium hindurchfließen ließ und auf natürliche Art zu ihren machte ohne sich zu verbiegen. Mit ihrer Kunst konnte sie gleichermaßen Radiostationen, Telenovela-Produzenten (siehe das Video unten mit "Modinha Para Gabriela") und seriöse Kunstkritiker überzeugen. Ihre Stimme konnte flüstern, ohne an Präsenz zu verlieren, und schreien ohne Härte.
In den Videos, die ihr wie immer unten nach dem Blog findet, möchte ich euch drei Lieder zeigen. Für diese wurde Gal Costa berühmt.
Das erste ist "Baby". Der Song klingt zunächst wie ein leichtes Liebeslied: eine weiche Melodie, ein zärtliches "baby", alltägliche Empfehlungen über Margarine, Englischunterricht oder andere Beobachtungen. Doch hinter dieser scheinbaren Süße verbirgt sich eine vielschichtige poetische Strategie. Die sanfte Oberfläche trägt eine ironische Auseinandersetzung mit dem Brasilien nach dem Militärputsch von 1964 in sich. Die alltäglichen Bilder ("piscina", "margarina", "gasolina") wirken harmlos, doch sie spiegeln ein neues Konsumideal wider, das die Diktatur als Modernisierung verkaufte. Die Zeilen verwandeln sich so in eine subtile Kritik an einem konservativen Modernisierungsprojekt. "Baby" wurde zu einem der Hymnen des Tropicalismo, weil es genau jene Spannung trägt, welche diese Bewegung definierte: eine melodische Zärtlichkeit, die mit einer poetischen Schärfe unterfüttert ist. Das setzt sich gleichermaßen ab von Bossa Nova und Jovem Guarda, die beiden damals vorherrschenden Musikbewegungen in Brasilien. Den Willen, etwas Neues zu schaffen, das auch die brasilianische Seele zum Ausdruck bringt, zeigt sich darin, dass die Musik eine unterschwellige Melancholie trägt, die durch den Einsatz von Elementen der "marcha rancho" kommt, einem Genre aus der nordöstlichen Arbeiterkultur.
Der zweite "Signature-Song" von Gal Costa ist "Divino Maravilhoso". Das ist ein Lied, das die Atmosphäre von Widerstand, Gefahr und Hoffnung während der brasilianischen Militärdiktatur verdichtet. Es ruft zu Wachsamkeit und Mut auf und ist ein Appell, der sich im berühmten Refrain verdichtet: "É preciso estar atento e forte / Não temos tempo de temer a morte". Also: "Man muss wachsam und stark sein / Wir haben keine Zeit den Tod zu fürchten." Das im Lied ständig wiederkehrende Wort "atenção" unterstreicht die Notwendigkeit, in einem repressiven Umfeld bewusst und präsent zu bleiben, ohne die Fähigkeit zu verlieren, auch in schwierigen Momenten Kraft und Hoffnung zu finden. Die zentrale Zeile "Tudo é perigoso / Tudo é divino maravilhoso", also "Alles ist gefährlich / Alles ist göttlich-wunderbar" fasst diese Spannung zusammen, die im Tropicalismo generell ein zentrales Thema ist: Das Leben unter der Diktatur ist gefährlich, aber es birgt auch Transzendenz, Schönheit und Widerstandskraft.
Und nun zum dritten, oben bereits angekündigten Lied der ungewöhnlich-außergewöhnlichen Kraft: "Força Estranha". Dieses thematisiert die Interpretin Gal Costa selbst, für die Caetano Veloso das Lied geschrieben wurde. Es ist ein Lied über die Lebenskraft der Kunst, über Berufung, über die geheimnisvolle Energie, die einen Menschen dazu bringt, ein Leben lang zu singen. Caetano schrieb es über Gal inspiriert von ihrer Art, Musik zu leben. Und er schrieb es für Gal weil nur ihre Stimme die Mischung aus Zartheit, Kraft und existenzieller Offenheit tragen konnte, die dieses Lied verlangt.
Der Song beschreibt die Kunst als etwas, das "das ganze Leben durchdringt" und als eine Kraft, die nicht rational erklärbar ist, aber alles bestimmt. Eine Zeile finde ich dann besonders interessant: "Eu pus os meus pés no riacho / E acho que nunca os tirei", also "Ich habe meine Füße in den Fluss gestellt / Und glaube, dass ich sie nie wieder herausgezogen habe." Ich musste dabei an den berühmten Vers des vorsokratischen Philosophen Heraklit denken: "Man steigt nie zweimal in denselben Fluss." Heraklit meint damit: Alles fließt. Alles verändert sich. Nichts bleibt.
Caetano Veloso und durch ihn Gal drehen diese Idee um. Gal Costa verlässt den Fluss ihres künstlerischen Schaffens eben nicht. Sie geht einmal in den Fluss und lässt ihre Füße, die wie Antennen im Wasser stehen, von neuen Eindrücken umspülen, bliebt aber fest stehen. Sie bleibt sich treu, egal welche Wasserteilchen um ihre Füße gewirbelt werden. Sie schafft es auf diese Weise, in unterschiedlichsten Genres, kulturellen, historischen und musikalischen Kontexten authentisch zu bleiben. So wurde Gal Costa eine der größten Stimmen Brasiliens. Und daher würde ich sie neben Elis Regina und Rita Lee als die Dritte im Bunde bezeichnen, die man unbedingt einmal gehört haben muss.
(Bild: Fernando Rabelo, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons)