Chopin, Tom, Vinícius, Baden Powell, "Insensatez" und "Canto de Ossanha" und der Papst

"Insensatez", welches vom kongenialen Duo Tom Jobim und Vinícius de Moraes geschrieben wurde, gehört zu den Bossa-Nova-Klassikern, die es in die Riege der Jazzstandards geschafft haben. Unzählige internationale Popstars interpretierten das Lied, nicht zuletzt, weil es als "How Insensitive" ins Englische übersetzt wurde; z.B. Frank Sinatra, Iggy Pop, die Black Eyed Peas oder Sting. Das Lied zitiert Chopins Prelude Op. 28, No. 4. Und einige Aufnahmen zitieren Baden Powells Song "Canto de Ossanha".

 

Den Text für das musikalische Zitat aus dem Lied Baden Powells "Canto de Ossanha" schrieb auch Vinícius de Moraes. In der Live-Aufnahme mit Tom Jobim, die ich unten einstelle, könnt ihr das "Ossanha"-Zitat ab Minute 1:07 hören (auf der Aufnahme mit Sting ist es ab 1:00 sogar noch deutlicher auf Piano zu hören). Und das kleine Zitat passt, weil man mit ihm den Inhalt des Liedes "Insensatez" besser versteht. Doch nun Schritt für Schritt, um bei diesen ganzen verschachtelten Zitaten nicht durcheinander zu geraten.

Worum geht es in dem Lied "Insensatez"? Um eine Liebesbeziehung, in der das lyrische Ich (in meiner Interpretation jedenfalls) einen inneren Dialog zwischen Herz ("coração") und Vernunft ("razão") beobachtet und im Lied nach Außen hin präsentiert. Nach einer unsensiblen, kalten Gefühllosigkeit gegen die zarte Liebe überzeugt die Vernunft das durch den Betrug, den Vertrauensbruch oder die Unsensibilität von sich selbst enttäuschte Herz. Die Vernunft ermahnt und erhellt dieses Herz, Aufrichtigkeit walten zu lassen und somit die Einsicht: "Bitte um Verzeihung". Das ist die Aufforderung der Vernunft an das Herz: "Vai, meu coração, pede perdão, Perdão apaixonado, Vai, porque quem não pede perdão, Não é nunca perdoado": "Denn wer nicht um Verzeihung bittet, dem wird auch nie verziehen."

In der von Chopins E-Moll Prelude inspirierten inneren Verhandlung zwischen liebendem und aus Leidenschaft betrügenden Herz und der zur Verzeihung aufrufenden Vernunft.

In diesen Dialog nun streut Jobim das Liedzitat aus einem anderen Lied ein: Eine Melodie aus dem "Canto de Ossanha", für das Baden Powell die Musik und der Bossa-Nova-Super-Texter Vinícius de Moraes den Text gedichtet haben. Und um was geht es in diesem Lied? Um einen Menschen, der betrügt: Der "Ja" sagt und "Nein" meint, der sagt, dass er geht und doch nicht geht, der sagt, dass er ist und doch nicht ist, und so weiter. Dieser Widerstreit ist (in meiner Interpretation jedenfalls) derselbe Widerstreit, der in "Insensatez" zwischen dem Herzen und der Vernunft ausgetragen wird: Dass Vinícius de Moraes dazu einlädt, die beiden Lieder "Insensatez" und "Canto de Ossanha" auf der Textebene zusammenzuhören, das hört man dann auch an den Aufforderungen, die in den Exklamationen zum Ausdruck kommen:

"Vai! Vai! Vai! (Geh! Geh! Geh!)

Não Vou! ("Ich gehe nicht")

Vai! Vai! Vai! Vai! (Aufforderung)

Não Vou! (Verneinung)

Vai! Vai! Vai! Vai! Vai! (Aufforderung)

Não Vou!

Não Vou! (Verweigerung)"

Für die Interpretation des Liedes "Insensatez" liefert "Canto de Ossanha" also eine weitere Perspektive auf die Erfahrung einer endenden Liebe, des Gefühls der Notwendigkeit, um Verzeihung zu bitten, des Betrugs, der Heilung desselben. Die Texte von Vinícius de Moraes und Tom Jobims Liedern sind nicht in einem Lied abgeschlossen, sondern sie verweisen auch auf andere Lieder. Man braucht wahrscheinlich sehr viele Lieder, so komplex sie für sich genommen auch sein mögen, um diese komplizierten existenziellen Situationen des menschlichen Lebens irgendwie angemessen darstellen zu können. Eine Würdigung der Fähigkeiten, diese Situationen darzustellen, erfährt der neunmal verheiratete Vinícius de Moraes von der katholischen Kirche, deren Oberhaupt Papst Franziskus eine Zeile aus "Samba da Bênção" (auch mit Baden Powell komponiert) eines wiederum anderen Lieds in seiner Enzyklika Fratelli tutti zitierte: "Das Leben ist die Kunst der Begegnung, auch wenn es so viele Auseinandersetzungen im Leben gibt."

Die Dichtungen von Vinícius de Moraes verstehe ich wie ein Mosaik: Mit ihnen versucht er, sich an die Komplexität des Lebens und seine Umstände und Situationen anzunähern, mit denen jeder einzelne umgehen muss. Ein gelungenes Leben ist die Kunst der Begegnung, die Auseinandersetzungen bedeuten können. Wenn es stimmt, was Vinícius sagt, dass das Leben in solchen Begegnungen und Auseinandersetzungen besteht, die er in "Insensatez" und "Canto de Ossanha" und "Samba da Bênção" beschreibt, dann hoffe ich sehr, dass diese Kunst nicht verkümmert, wenn unsere Begleiter immer mehr digital erlebt werden oder sogar nur noch "digital companions" sind. 

 

(Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Antonio_Carlos_Jobim_and_lyricist_Vinicius_de_Moraes_Brasilia_architecture_and_music_Brasil_architectural_review_1465_660_341729925.jpg)