João Gilberto: Die ganz große Show Kunst der Zurückhaltung

João Gilberto definierte Bossa Nova durch das Merkmal radikaler Zurückhaltung: flüsternder Gesang und minimale Gesten. Bossa Nova zu singen ist so anspruchsvoll, weil er auf den Punkt ohne Effekte gesungen werden muss. Sobald Ablenkungsmanöver wie z.B. ein schmetterndes Vibrato die geforderte Präzision kaschieren, gerät man auf Abwege. Vielleicht ist es dann nicht mal mehr ein Bossa Nova. Als Sängerin verlangt Bossa Mut: Denn Fehler sind auf seinem schmalen Grat viel hörbarer als sonst.

 

Es gibt ein Lied, das ich ziemlich gut geeignet finde, den Ansatz von Gilbertos Kompositionen zum Ausdruck zu bringen. Es heißt: "Bim Bom" und gilt als der erste Bossa Nova überhaupt. João Gilberto komponierte es 1956 am Ufer des Rio São Francisco, während er den rhythmischen Schritten der Wäscherinnen zusah, wie sie mit Körben voller Kleidung auf dem Kopf vorbeigingen. Er versuchte, den Rhythmus ihrer Bewegungen in Musik zu übersetzen. Das Ergebnis war "Bim Bom". Die Melodie, der Text sind radikal einfach; sie reduzieren die vertonte Szenerie auf das Wesentliche. Der Text lautet:

 

Bim bom bim bim bom bom

Bim bom bim bim bom bim bom

Bim bom bim bim bom bom

Bim bom bim bim bom bim bim

É só isso o meu baião / Nur so geht mein Baião 

E nao tem mais nada não / Und mehr gibt es da nicht

O meu coração pediu assim, só / Mein Herz hat es so verlangt, nur:

Bim bom bim bim bom bom

Bim bom bim bim bom bom

Bim bom bim bim bom bom

 

Die zenhafte Schlichtheit des Liedes erinnert mich an ein japanisches Haiku, das in äußerste Behutsamkeit bei größtem Respekt vor formalen Ansprüchen eine Alltagsbeobachtung in große Kunst verwandelt. Diese Haltung wird zum ästhetischen Fundament aller späteren Kompositionen João Gilbertos.

Dieser musikalische Ansatz war zur damaligen Zeit neu in Brasilien und stand in einem starken Widerspruch zur Art und Weise, wie Musik vorgetragen wurde. Das ging nämlich eher in die bombastische Richtung: große Orchester, laute Stimmung. Doch João Gilberto fand in Tom Jobim einen Unterstützer. Als er ihm den neuen Gitarrenbeat vorspielte, erkannte Jobim sofort das Potenzial. Die neue rhythmische Struktur vereinfachte den Samba und öffnete Raum für moderne Harmonien, wie Jobim sie selbst entwickelte. Auf der Suche nach einem passenden Stück für Gilberto stieß Jobim dann auf eine ältere Komposition mit Vinícius de Moraes: "Chega de Saudade".

Der künstlerische Leiter von Odeon, Aloysio de Oliveira, hielt Gilbertos leise, vibratolose Stimme für nicht kommerziell verwertbar. Erst nach viel Überzeugungsarbeit durch Jobim und einer Empfehlung von Dorival Caymmi wurde eine Low-Budget-Produktion genehmigt und Gilberto erhielt die Chance, die Musik zu produzieren, zu der er in einem Badezimmer in Diamantina lange mit Akustik, Atemtechnik und dem Verhältnis zwischen Stimme und Gitarre und der charakteristischen Verzögerung und Beschleunigung seiner Phrasierung experimentiert hatte.

Am 10. Juli 1958 entstanden die endgültigen Versionen von „Chega de Saudade“ und „Bim-Bom“ – ich würde sagen, es sind die Versionen, die Bossa Nova als Stilrichtung maßgeblich definieren. Ganz ohne sollen die Aufnahmen nicht gewesen sein: Gilberto unterbrach die Musiker, wenn er Fehler hörte, die sonst niemand hörte, er stritt mit Jobim intensiv über Akkorde und von den Tontechnikern verlangte er, dass Stimme und Gitarre jeweils mit eigenen Mikrofonen ausgestattet werden.

Zunächst blieb die Single unbeachtet, bis Odeons Team sie in São Paulo aktiv bewarb. Von São Paulo aus begann dann der Erfolg zurück nach Rio zu strahlen.

Gut gesungen ist ein Bossa Nova für mich, wenn er mit Mut zur Einfachheit, zur Zurückhaltung vorgetragen wird. Wenn wir uns bei dieser Reduktion angreifbar machen, weil der kleinste Fehler hörbar wird. Das Richtige zu treffen ist so viel schwerer als das Falsche. Ich probiere es jedenfalls immer wieder.

 

(Bild: Tuca Vieira from São Paulo, Brazil, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons)